Das WILL-HAUS

Hier entsteht in Kürze die Dokumentation der Entstehung der Installation "Das WILL-HAUS".

Die Hausprojekte sind begehbare, temporär aufgestellte Gebäude, die sich anhand fühlbarer Lebensgeschichten mit den Traumata der Kriegsgenerationen und deren Folgen bis in unseren heutigen Alltag auseinandersetzen.



Herr Will

Die Kindheit in Eilbek war geborgen und verspielt, die Schule lustig.
Es gab so viel zu lernen und auf der Straße war es spannend, die Höfe der Nachbarhäuser abenteuerlich.

Die Brandbombe war seitlich in die Wohnzimmerwand im Erdgeschoss eingeschlagen, mit einem quälenden Kreischen weitergerutscht und einfach liegengeblieben. Wenn man in die Knie ging, blickte man in die Trümmer des Nachbarhauses, die sich über dem Einschlagsloch türmten. Aber ein bisschen Sonne schien schon hindurch. Es roch verbrannt... und bald schon beißend süßlich.
Wenn sie auf das Dach stiegen, schenkte ihnen eine von Trümmern befreite Schneise eine freie Sicht auf das Hamburger Rathaus.

Später, nach der Währungsreform wurden die Reste des Stucks voller Freude heruntergerissen. Der Duft von Kleister, Lack und frisch bedruckten Tapeten erfüllte das Haus. Die Tapeten erhielten nach oben eine dünne Abschlussleiste, die mit einem Prägemuster silbern umklebt war. Das war etwas Besseres.

Wenn die Gäste vom Käseigel nahmen und zu der Musik des ersten Schallplattenspielers tanzten, war alles voller Hoffnung. Er war stolz. Auch mit Frauen sprach er und war überaus charmant.

Die feinmechanische Werkstatt im Hof lief gut, auch nach dem Tod seiner Eltern. Er musste für die Firma reisen. Messen, eine Weltausstellung. Auch mit der Universität arbeitete er zusammen. Er sprach auf Kongressen. Man mochte ihn. Er trug Maßanzüge und Menschen fanden seine Worte wichtig.
Wenn er müde war, setzte er sich an seinen Flügel. Die Nachbarn liebten sein Spiel. Er rauchte gerne, las bisweilen bedeutende Bücher, hing den Gedanken nach und vergaß die Zeit.

Als seine feinfühligen, schönen Hände schon langsam steifer wurden, hatten in anderen Werkstätten bereits Maschinen seine Fertigkeiten ersetzt. Irgendwann verdienten seine Hände das Brot nicht mehr und die Schulden nahmen die Luft.

Niemand sollte das wissen. Das Haus verließ er dennoch jeden Tag mit seiner Aktentasche und korrektem Gruß an die Frau in der Wäscherei unter ihm. Niemand sah ihn zurückkommen, niemand betrat noch einmal seine Wohnung.

Sehr sehr viele Jahre später, als der beißende Geruch handgewaschener und auf der Heizung getrockneter Papierwindeln sich seinen Weg durch die Fugen der verzogenen Eingangstür in das Treppenhaus bahnte, standen die Zeiger der Küchenuhr schon lange still...

Als es Zeit war, packte er seinen Koffer und legte ihn auf das Bett.
Auf dem Weg zur Tür streifte er den Flügel, hielt inne, schaute auf seine über die Jahre steif verkrümmten Finger und musste lächeln. Er fühlte die Wärme seiner Kindheit und vergaß dann seine Jacke, als er die Wohnung verließ, die so mühsam mit ihm alt geworden war...